Arno Holz - eine biographische Skizze

Arno Holz

1863 - 1929

Arno Holz wurde am 26. April 1863 in Rastenburg/Ostpreußen (heute Kêtrzyn) als Sohn eines Apothekers geboren. Nach der Grundschule besuchte er nur kurze Zeit das Herzog-Albrecht-Gymnasium, das sich damals noch ne­ben der St. Georgskirche befand, denn der Elfjährige übersiedelte 1874 mit seiner Familie nach Berlin1. Nach der Ehescheidung der Eltern hatte Holz mit materiellen Problemen zu ringen, die ihn sein ganzes Leben begleiteten. Mit 18 Jahren verließ er noch vor dem Abitur das Gymnasium. Statt eines Universitätsstudiums bildete er sich autodidaktisch weiter. Früh stand für ihn — nach Tätigkeiten als Redakteur und Schriftleiter — fest, sein Leben nur als freischaffender Schriftsteller zu führen, aber erst 1904 und 1905 hat er mit dem Gedichtband Dqfnis und dem mit Oskar Jerschke gemeinsam verfassten Theaterstück Traumulus auch finanzielle Erfolge. Die übrigen 45 Jahre seiner Schriftste Uerexistenz lebte er an der Armutsgrenze, sein durchschnittliches Jahreseinkommen betrug unter 2000 Mark, also weniger als ein gelernter Ar­beiter damals verdiente. Er musste von Freunden und Verwandten unterstützt werden und hoffte vergeblich auf die Verleihung des Nobelpreises, für den er fünfmal vorgeschlagen worden war.

ul. Wojska Polskiego 11

Urz¹d Miasta Kêtrzyn

       Trotz der finanziellen Misere leistete er ein gewaltiges Arbeitspensum, saß, wie Klaus M. Rarisch ausgerechnet hat, täglich zehn Stunden am Schreibtisch. Holz, der sich schon als junger Mann zum Reformator der deut­schen Literatur berufen fühlte und sich bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert intensiv am literarischen Leben der neuen Reichshauptstadt Berlin betei­ligte, hatte mit Gerhart Hauptmann, Wilhelm Bölsche und Stanislaw Przybyszewski Bekanntschaft. Er wurde einer der Pioniere des Naturalismus in den mit Johannes Schlaf gemeinsam verfassten Werken wie der Erzählung Papa Hamlet (1889) und dem Theaterstück Die Familie Selicke (1890). Mit seiner allein geschriebenen Komödie Sozialaristokraten (1896) begann er einen drei Theaterstücke umfassenden Zyklus über Berlin Die Wende einer Zeit in Dramen, erwies sich aber mit dem 1902 veröffentlichten Drama Die Blechschmiede auch als Satiriker und Parodist. Seine kunsttheoretischen Überzeugungen — Kunst ist seiner Auffassung nach über wissenschaftliche Gesetze beschreibbar („Kunst - Natur - x") — hatte er schon 1891/92 in seiner Pro­grammschrift Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze formuliert.

Arno Holz wollte „eine Revolution der gesamten Literatur in Theorie und Praxis mit seinem Werk einleiten", was ihm auch in vielfältigen Uterarischen Gattungen gelang. Dennoch liegt seine größte Begabung wohl auf dem Gebiet der Lyrik. Nachdem er sich von seiner Geibelverehrung und den Klischees der Lyriktradition {Klinginsherz; 1883) gelöst hatte, begann er 1886 mit einem eigenständigen, teilweise sozialkritischen Lyrikband: Das Buch der Zeit. Heder eines Modernen. Darin findet sich auch ein Gedicht mit dem Titel Phantasus, das den Beginn seines lebenslangen Arbeitsprozesses an diesem Zyklus markiert. 1898 und 1899 brachte Holz zwei Lyrikhefte unter dem gleichen Ti­tel heraus: In ihnen realisierte er formal sein Kompositionsprinzip des von ihm geschaffenen Phantasus-Verses: Ohne konventionelle Strophenform und traditionelle Metrik werden die verschieden langen reimlosen Zeilen um die senkrechte Mittelachse der Seite angeordnet. Weitere Formeigenschaften waren „verwickelte Satzkonstruktionen, Häufung von Superlativen, Verknüp­fung von Wörtern zu nie zuvor gebildeten Komposita, [...] lange Ketten von Attributen und sinnverwandten, mitunter sogar sinngleichen Wörtern". Holz erstrebte aber mit dem Phantasus mehr als nur eine neue lyrische Sprache, denn der Grundgedanke des Werkes ist, dass „das Ich des Dichters die gesam­te Welt in Zeit und Raum in sich aufnimmt". Wenn man von einem weiteren Lyrikexperiment absieht, in dem Holz die Sprech und Schreibweise der Barockliteratur imitierte (Dqfnis, 1904), so hat er ständig am Phantasus weitergear­beitet: 1913 entsteht eine zweite Fassung, die bis auf wenige Exemplare auf Anweisung des Autors wieder eingestampft wird, 1916 erscheint eine neue Ausgabe (sie hat bereits einen Umfang von 336 Seiten im Folioformat), die von manchen Arno Holz-Forschern als die gelungenste Fassung gewürdigt wird. 1925 kommt innerhalb der ersten Arno-Holz-Gesamtwerkausgabe eine Phantasus-Fassung von 1345 Seiten in drei Bänden heraus. Auch in der

1961/62 veröffentlichten Nachlassfassung, an der Holz bis zu seinem Tode arbeitete, umfasst der Phantasus drei dickleibige, großformatige Bände. Mit den Ergänzungen hat er insgesamt 1584 Seiten.

Am 26. Oktober 1929 ist Arno Holz in Berlin gestorben. Seine Grabschrift — ein Zitat des letzten Satzes aus fem Phantasus — lautet: „Mein Staub verstob, wie ein Stern strahlt mein Gedächtnis."

 

 

Bearbeitung: Dietmar Pertsch